Ich wäre alleine nie auf die Idee gekommen, mich mit dem Anbau und Verkauf von Gemüse selbstständig zu machen. Nicht, weil es mich nicht interessiert hätte. Aber als Hobbygärtner von Null auf einen Betrieb gründen? Ohne große Flächen, Maschinen und Gewächshäuser? Und ohne nennenswertes Startkapital? Und würde ich alleine und mit händischer Arbeit so viel anbauen können, dass der Verdienst zum Leben reicht?

Doch dann stieß ich im Internet auf Videos von Curtis Stone und Jean Martin Fortier. Beide hatten ganz klein angefangen und hatten zudem den Anspruch es klein zu halten und dennoch davon leben zu können. Beide verfolgten einen Ansatz, den sie biointensive Landwirtschaft oder auch Market Gardening nennen. Also eine intensive Nutzung kleiner landwirtschaftlicher Flächen, die ohne den Einsatz großer Maschinen auskommt. Also Gärtnern, aber für den Markt. Curtis Stone besitzt nicht mal große eigene Anbauflächen. Stattdessen pachtet er Hinterhöfe und Vorgärten in der Stadt und pendelt mit dem Fahrrad dazwischen hin und her. Und das mit Erfolg.

Market Gardening in Deutschland

Für mich war das unfassbar inspirierend. Der Moment als ich dachte, das könne auch hier möglich sein, hat in mir ein Feuer entfacht. Plötzlich war ich mir sicher, wenn ich es nur richtig und fleißig anpacken würde, dann könnte ich das auch schaffen. In der Folgezeit habe ich viele Bücher gelesen, Videos gesehen und in sozialen Medien nach Best Practise Beispielen gesucht. Und siehe da: In Amerika gibt es einen regelrechten Trend, dass junge Leute, häufig Paare, Farmen übernehmen oder in Städten kleine Flächen pachten und erfolgreich Obst, Gemüse oder Blumen anbauen und verkaufen. Die Methoden haben dann tolle Titel, wie Market Gardening, Urban Farming oder Smale-Scale Farming. Und die Namen der Betriebe klingen auch sehr cool und modern: Radicleroots Farm, Urban City Acres, …

Ich war mir sicher, dass sich die Methode gut auf Deutschland übertragen lassen könnte. Aber wie ist es mit den Begriffen? Wie könnte ich das, was ich vorhabe, nennen. Die Suche nach einem Namen für mein Unterfangen gestaltete sich äußert schwierig. In Amerika klingt Farm einfach ziemlich cool. Aber Landwirtschaft? Klingt nach Industrie. Bauernhof? Klingt nach Hanni & Nanni. Es gibt sicher schöne Möglichkeiten, den Familiennamen oder einen Fantasienamen mit -Hof zu erweitern. Aber ich habe ja nicht einmal einen Hof im herkömmlichen Sinne. Ich habe rund 1500 qm Fläche an unserem Wohnhaus und etwa 2800 qm auf einem separaten Grundstück am anderen Ende des Dorfs. Und Gärtnerei? Klingt nach Geranien und Tagetes.

Schließlich habe ich mich für Gemüsegärtnerei entschieden. Ein Begriff, der uncooler nicht sein könnte, aber einfach sehr gut beschreibt, um was es geht.

Vom Gemüseverkauf leben?

Die Frage habe ich in der letzten Zeit sehr oft gehört. Kann man davon leben? Wo doch Lebensmittel heute kaum noch einen Wert haben. Ich verweise dann darauf, dass ich ja bereits selbst merke, wie groß die Nachfrage ist. Und dass die Menschen lieber regional kaufen und wissen, wer das Gemüse angebaut hat, als dass sie Bio-Lebensmittel im Supermarkt kaufen. Aber kann man so ein Unternehmen soweit skalieren, dass man davon wirklich leben kann? Auf diese Frage habe ich geantwortet, dass es nicht darum geht, mit dem Unternehmen zu skalieren. Das ist ja gerade die Herangehensweise, die zu unserer heutigen Form der Landwirtschaft geführt hat. Es geht vielmehr darum, auf kleiner Fläche kosteneffizient zu wirtschaften. Da wären wir wieder beim smale-scale farming und den biointensiven Methoden. Das man damit Geld verdienen kann, beweisen die Beispiele funktionierender Farmen aus den USA oder auch aus Frankreich, die ihre Arbeit online dokumentieren.

Was bedeutet biointensiv?

Darin stecken zwei Ansätze: Zum einen wird die genutzte Fläche intensiv bewirtschaftet. Z.B. stehen die Karotten, Spinat oder Rote Beete in viel engeren Pflanzabständen, als es sowohl im Hobbygarten, als auch in der Landwirtschaftlich üblich ist. Durch die kurze Standweite beschatten die Pflanzen den Untergrund fast vollständig, wodurch es weniger Unkrautdruck gibt. Dadurch wiederum muss weniger Zeit für Jäten aufgewendet werden. Der Ertrag pro Beet hingegen ist deutlich höher. Das ist nur ein Beispiel für erprobte Methoden, um die Arbeit und Fläche gering zu halten, jedoch den Ertrag zu steigern. Ein weiteres Mittel sind standardisierte Beetbreiten und darauf abgestimmte Werkzeuge, die helfen viel Zeit einzusparen. Und durch effiziente, gut strukturierte Beetplanung sind pro Beet mehrere Ernten im Jahr möglich.

Die Ertragssteigerung wird auch durch den bio-Ansatz möglich gemacht. Die Beete sind immer als Dauerbeete angelegt, die nur sehr schonend bearbeitet werden, häufig gänzlich ohne Umgraben. Stattdessen wird viel mit Kompostgaben, natürlichem Dünger und Gründdüngung gearbeitet. Der Kompost dient zusätzlich als schützende Mulchschicht. Werden Beete nicht bestellt, werden sie mit Folien und Vliesen abgedeckt. Es geht also darum einen richtig guten Boden aufzubauen, der dann auch höhere Erträge liefert.

Über die Details der biointensiven Landwirtschaft werde ich bald einen eigenen Text veröffentlichen.

Fazit

Kann man also vom Gemüseverkauf heutzutage leben? Definitiv ja. Kann ich davon leben? Das werde ich in den nächsten Jahren erst noch beweisen müssen. Richard Perkins formuliert die alles entscheidende Frage in seinem Kurs Make small farms work so: Wieviel Geld brauchst du zum leben? Wer diese Frage nicht ehrlich beantwortet, kann kein zukunftsfähiges Unternehmen aufbauen. Erst wenn man nach reiflicher Überlegung festlegt, wie viel Geld man benötigt, kann man im nächsten Schritt einen Plan dazu entwerfen, um mit so wenig Fläche und so wenig Arbeitseinsatz wie möglich, dieses Geld zu verdienen. Das ist für mich einer der interessantesten Kernthemen des Market Gardenings. Wie wenig Fläche brauche ich, um davon leben zu können? Anstelle von Wachstum um jeden Preis.

Ich bin der Überzeugung, selbst wenn ich es schaffe, in den nächsten Jahren mit der Gärtnerei ein gutes finanzielles Auskommen zu finden, selbst dann werden viele das noch als Spinnerei, Träumerei oder als realitätsfern belächeln. Wie viele Haushalte werde ich mit meiner Hände Arbeit maximal versorgen können? 40? 50? Direkt neben meinem Grundstück haben Bauern ihre Äcker. Bis zum Horizont. Einzelne Bauern bewirtschaften teilweise 50 Hektar und mehr. Doch die konventionelle Landwirtschaft mit ihren großen Maschinen und chemischen Düngern ist ein Auslaufmodell. Sie verbrennt mehr Energie (aus begrenzten Rohstoffen) als sie Energie in Form von Nahrung vom Feld holt. Daher kam der Weltagrarbericht auch schon 2008 zu dem Schluss, dass die Zukunft einer Landwirtschaft, die die stets wachsende Menschheit ernähren muss, nur in kleinbäuerlichen Strukturen und regionalem Lebensmittelhandel liegen kann.